In Vorarlberg setzt man seit 2007 auf ein teilöffentliches Modell in der Nonstopbetreuung zu Hause. Nun droht das Ende 24-Stunden-Betreuung Modell das sich über Jahre hinweg als Vorzeigebeispiel etabliert hat. Das sorgt nicht nur bei den betreuenden Familien für Unruhe, sondern wirft auch grundsätzliche Fragen zur Zukunft der häuslichen Pflege in Österreich auf.

“Ja, in Vorarlberg gibt es Berge”, hört man eine Mitarbeiterin des Betreuungspools ins Telefon sagen. Am Ende des Flurs im Feldkircher Büro gewährt die Glasfront einen imposanten Ausblick auf die Gebirgskette des Rätikon. Die Anruferin kann es nicht wissen. Sie ist eine jener Frauen, die meist über tausend Kilometer anreisen – aus Rumänien oder der Slowakei –, um die alternde Bevölkerung rund um die Uhr im äußersten Westen Österreichs zu betreuen. Gerade für sie stellt das drohende Ende 24-Stunden-Betreuung Modell eine existenzielle Unsicherheit dar.
Andocken will die Frau just bei jener Organisation, die es in ihrer jetzigen Form so nicht mehr geben soll – zumindest wenn es nach der Vorarlberger Landesregierung geht, an deren Geldtopf sie hängt: dem Betreuungspool, eine vom Mobilen Hilfsdienst und der Hauskrankenpflege getragene Organisation, die berät, 24-Stunden-Betreuung vermittelt und unterstützt. Sie ist aktuell für 980 Senioren und 1600 Betreuerinnen zuständig – und mit ihrem gemeinnützigen Charakter ein Unikum in Österreich.
Aufregung im Ländle
Seit Anfang Juli ist bekannt, dass der Betreuungspool nach 18 Jahren mit Ende des Sommers schließen muss. Seither gehen im Ländle die Wogen hoch. Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen sind verunsichert. Auch viele Betreuerinnen blicken mit Sorge in die Zukunft. Zusätzlich bringen sich private Agenturen in Stellung. Die Regierung versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben. Der Tenor: Die Betreuung sei sichergestellt – kein Grund zur Sorge.
Mittendrin ist Geschäftsführer Manfred Kräutler. Anfang Juli hat er die Hiobsbotschaft des drohenden Endes publik gemacht. Der Grund: Das Land habe dem Pool zu wenig Förderungen gegeben, etwa 100.000 Euro würden ihnen fehlen. “Wir wollen den Betreuungspool unbedingt weiterführen”, sagt Kräutler. Die Frage ist nur, wie.
Eigentlich wurde der Betreuungspool 2007 im Zuge der Legalisierung des Gewerbes eingeführt, um eine leistbare und seriöse Betreuung zu gewährleisten, “und das eben auch für Härtefälle”, sagt Kräutler. Dafür fahren die rund zwölf Mitarbeiterinnen “vom Montafon bis nach Sibratsgfäll”, wo sie Familien beraten, sich ein Bild vom gesundheitlichen Zustand und von der Infrastruktur machen und schauen, “ob es ein eigenes Zimmer und WLAN für die Betreuerin gibt”. Das Ziel sei nicht primär ein Vertragsabschluss. Eine qualitätssichernde Beratung stehe im Vordergrund.
Kein Geschäft mit Betreuung
Das betrifft auch den Umgang mit den Betreuerinnen, die “via Mundpropaganda” über die Jahre zu ihnen gekommen seien. Im Vergleich zu privaten Agenturen, die monatlich teils hohe Provisionen verlangen, zahlen die selbstständigen Betreuerinnen hier lediglich 180 Euro im Jahr – ein Teil fließt in ihren Rechtsschutz. Auch würden sie sich nicht einmischen. “Die Entscheidung, einen Fall anzunehmen, liegt ganz allein bei der Betreuerin.” Auch zu welchen Konditionen. Einen Tagsatz von 95 bis 130 Euro würde der Pool den Familien empfehlen – alles andere dürfen die Frauen selbst im Sinne ihrer Selbstständigkeit ausmachen.
Beratend stehen sie sowohl den Familien als auch den Betreuerinnen danach zur Seite. Zusatzkosten fallen keine an.

Was angesichts bekannter Missstände wie ein Modell klingt, das die Bedürfnisse aller in den Blick nimmt, scheint für die Regierung nicht mehr zeitgemäß zu sein. Denn über die Jahre habe sich das “Case-Management” in den Gemeinden etabliert, in das ebenfalls Gelder fließen. Dieses solle künftig die Beratung des Betreuungspools übernehmen. Vor allem habe sich aber der Markt geändert: Mittlerweile gibt es 23 private Agenturen, die das Nachsehen hätten, weil sie eben keine Förderung erhalten. Das drohende Ende des 24-Stunden-Betreuung Modells wird von vielen daher auch als politische Entscheidung zugunsten des freien Markts gesehen. Landesrätin Martina Rüscher (ÖVP) spricht sogar von Wettbewerbsverzerrung.
Worum es in dieser Debatte also unterm Strich gehen dürfte – und was sich auch in anderen Bereichen der Pflege zeigt: Wieso soll die öffentliche Hand für etwas aufkommen, was auch der Markt übernehmen kann?
Vom Glück mit den Frauen
Eine Betreuerin, die schon auf 13 Jahre Erfahrung zurückblickt, ist Silvana Urlică in Bludenz. Sie führt durch das geräumige Haus auf die Terrasse und sagt: “Wir müssen nicht leise sein, sie schlafen tief und fest.” Sie, das ist ein über 90-jähriges Paar, das sie seit fünf Jahren rund um die Uhr, vier Wochen am Stück betreut. Mit der starken Demenz der Frau und der Herzschwäche des Mannes ist der Alltag der Rumänin stark durchgetaktet: Mobilisieren und Waschen in der Früh, Kochen, Haushalt, Putzen, Unterhalten. Betreuung.
Ein “riesiges Glück” habe man mit Urlică, sagt die Tochter des Paares, die sich neben sie hinsetzt. Und das sieht Urlică genauso. “Ich bin Perfektionistin und habe klare Strukturen.” Als Alleinerzieherin hatte sie keine andere Wahl, erzählt sie. Ihre Tochter musste sie 2013 bei den Großeltern lassen, nachdem sie den Job als Chemielaborantin verloren hatte. “Sie hat mich jeden Abend angerufen und gesagt: Mama, du schaffst das.”
Bis sie zum Betreuungspool nach Vorarlberg kam, durchlief sie viele Stationen: In Niederösterreich war sie bei kleinen Agenturen, ehe sie nach Vorarlberg übersiedelte. Hier war sie auch bei einer Agentur unter Vertrag, aus der sie wegen einer Ausstiegsklausel nicht herauskam. Später, erzählt sie, habe sie ihr auch zu wenig Geld überwiesen. Erst als ihre Klientin starb, konnte sie wechseln und gelangte so zum Betreuungspool. Hier habe man ihr stets geholfen.
Angst vor “richtiger” Selbstständigkeit
Dass dieser nun schließen muss, kann Urlică nicht verstehen, auch wenn sie sich persönlich keine Sorgen macht. “Wir sind ja alle selbstständig, aber trotzdem fürchten sich manche, dass es ohne Organisation nicht geht und sie dann wieder viel Geld für eine private Agentur zahlen müssen.” Etwas, das auch die Tochter des Paares versteht: “Du kennst dich aus und sprichst perfekt Vorarlbergerisch, aber bei den anderen Frauen ist das eben nicht so.”
Welche Perspektiven gibt man jetzt den Betreuerinnen und den Familien, die sie betreuen? Die WKO, die offizielle Interessenvertretung der Betreuerinnen und der Agenturen, verweist auf eine Rundmail, in der den Frauen die künftige Kooperation mit einer Vermittlungsagentur oder die eigenständige Betreuung in direkter Absprache mit den Familien empfohlen wird. Auch eine Hotline habe man eingerichtet.
Gespräche gehen weiter
Doch wie soll es nun mit dem Betreuungspool weitergehen? Auf STANDARD-Nachfrage heißt es aus dem Büro von Landesrätin Rüscher, dass man die “Arbeit des Betreuungspools auch weiterhin sehr schätzt”. Derzeit würden Gespräche über die künftige Ausgestaltung stattfinden. “Dem Ausgang dieser Gespräche möchten wir nicht vorgreifen.”
Aufgeben will Kräutler vom Betreuungspool jedenfalls nicht. Zumindest für 2025 hofft er noch auf Unterstützung vom Land. Mit Blick auf die Zukunft versuche man, mit “möglichen künftigen Partnern eine gute und nachhaltige Lösung” zu finden, die Gespräche liefen vielversprechend, sagt Kräutler. Wie stark die Kosten für die Familien und die Betreuerinnen steigen könnten, ist dabei noch unklar. Letztlich gelte aber auch hier das “Prinzip der Verhältnismäßigkeit im Sinne des damals erhaltenen Auftrags”. Man wolle weiterhin ein Gegenmodell sein.